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Veröffentlichungen von Mitarbeitern der OFD Hannover

 

Perspektiven und neue Wege bei der Bearbeitung von ehemaligen Standorten der Militärproduktion und des Militärbetriebes (Rüstungsaltstandorte)

Vortrag beim Workshop Rüstungsaltlasten

Untersuchung, Sanierung und Reaktivierung von Rüstungsaltstandorten und Konversionsliegenschaften, 08.05.2002, Offenbach

Dipl.-Geol. Karsten Heine

 

1.        Rüstungsaltstandorte („Rüstungsaltlasten“) auf Liegenschaften des Bundes - ein Problem ?

1.1      Einleitung

Das Problemfeld der sogenannten Rüstungsaltstandorte („Rüstungsaltlasten“) beschäftigt die Liegenschaftsverwaltungen des Bundes neben der „normalen“ Boden- und Grundwasserproblematik ebenfalls bereits seit mehr als 10 Jahre, seitdem auf ihren Liegenschaften kontaminationsverdächtige Flächen erfasst werden.

Nicht nur im Rahmen der Konversion, sondern auch auf den Liegenschaften in den einzelnen Ressorts der Bundesministerien führt der Bund systematisch Erfassungen, Untersuchungen und Sanierungen bei Vorliegen eines Verdachts oder dem Vorhandensein von schädlichen Bodenveränderungen und Grundwasserverunreinigungen durch.

Neben stofflichen Bodenveränderungen und Verunreinigungen des Grundwassers durch Schadstoffe spielen mögliche Belastungen mit Kampfmitteln und Munition auf Rüstungsaltstandorten, wie auf anderen Liegenschaften ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Erfahrungen aus den zahlreichen liegenschaftsbezogenen Arbeiten münden als zusammenfassende Auswertungen in Materialien zu den Arbeitshilfen Boden- und Grundwasserschutz. Unter anderem für die Nutzungstypen Munitionsanstalten, Fliegerhorste und zum Themenfeld Luftbildauswertung wurden Materialienbände erstellt oder sind in Vorbereitung.

Mit den Kontaminationsprofilen in SINA (Schadstoffinformation Altlasten) und der SToffdatenbank für AltlastenRelevante Schadstoffe STARS (Kooperation und gemeinsame Entwicklung von Umweltbundesamt und OFD Hannover) wurden die Grundlagen zum Verständnis der Handlungsabläufe auf ehemaligen Rüstungsstandorten und für die Bewertung der primären und sekundären Substanzen und Schadstoffe erarbeitet.

Neben fachlichen Fragestellungen spielen oftmals die rechtlichen Rahmenbedingungen eine gewichtige Rolle. Nicht zuletzt die Frage, wer für welche Kontaminationen und Belastungen rechtlich zuständig ist, muss oftmals im Rahmen von Maßnahmen auf Rüstungsaltstandorten geklärt werden.

1.2              Vorgehensweise und Methodik

Die Bearbeitung von Standorten der Militärproduktion und des Militärbetriebes erfolgt nach der

Handlungsanweisung für die Erkundung von Altstandorten der Militärproduktion und des Militärbetriebes (Rüstungsaltstandorte) und Entmunitionierung

Das Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen und das Bundesministerium der Verteidigung, sowie das Bundesministerium der Finanzen haben diese Handlungsanweisung (Stand: Juni 1999) im Jahr 2000 für alle Maßnahmen auf Bundesliegenschaften eingeführt.

Ein Schwerpunkt der Tätigkeit der OFD Hannover ist neben der Unterstützung und Beratung bei konkreten Projekten auch die inhaltliche Weiterentwicklung und Fortschreibung der o.g. Handlungsanweisung zu weiteren Arbeitshilfen.

Momentan werden die Arbeitshilfen Boden- und Grundwasserschutz fortgeschrieben, für den Bereich Entmunitionierung, Kampfmittelräumung und -beseitigung wird eine völlig neue Arbeitshilfe aufgestellt. Die Veröffentlichung ist für das 3. Quartal diesen Jahres vorgesehen.

 

2.         Problemfeld Bodenveränderungen und Grundwasserverunreinigungen

Da die meisten Anlagen vor über 50 Jahren zerstört, demontiert oder überbaut wurden und damit eine Rekonstruktion vor Ort nicht mehr möglich ist, werden an die Bearbeitung von Rüstungsaltstandorten besondere fachtechnische Anforderungen gestellt.

In vielen Fällen wurden hochbrisante und hochtoxische Substanzen bei der Rüstungsproduktion eingesetzt. Zum Teil haben diese Stoffe bis heute nichts von ihrer Gefährlichkeit verloren. Hinzu kommt häufig die sensible Lage solcher Standorte in Einzugsgebieten von Trinkwassergewinnungsanlagen oder in unmittelbarer Nähe zu urbanen Bereichen.

Im Rahmen der Aufgaben als Leitstelle des Bundes für den Boden- und Grundwasserschutz und der Bearbeitung von liegenschaftsbezogen Projekten hat die OFD Hannover Informationen zu ca. 2500 Rüstungsstandorten mit geographischen Bezugskoordinaten gesammelt, die für weitere Bearbeitungen vorgehalten werden.

Wichtig bei der Bearbeitung von Standorten ist die Differenzierung in die bekannten Nutzungsarten von Rüstungsaltstandorten. Aus der Nutzungsart lassen sich bereits im Vorfeld wichtige Informationen zum Gefahrenpotenzial ableiten.

Nutzungsarten von Rüstungsaltstandorten

1.

Anlagen zur Herstellung von Sprengstoffen, Pulver, Zündern und Zündmitteln einschließlich der Erzeugung der notwendigen Vorprodukte

2.

Anlagen zur Herstellung von Kampf-, Rauch- und Nebelstoffen einschließlich der Erzeugung der notwendigen Vorprodukte und der Munition

3.

Anlagen zur Herstellung von Munition sowie deren Vernichtung

4.

Flugbetriebsanlagen (Flugplätze, Landeplätze, Scheinflugplätze)

5.

Übungs- und Schießplätze

6.

Anlagen zur Lagerung und zur Herstellung von Treibstoffen

7.

Kasernen und zugehörige Einrichtungen (z.B. Lager- und Umschlagplätze)

8.

Standorte mit sonstigen Nutzungen

Als wesentliche Schritte in der Phase der Erfassung und Bestandsaufnahme (Phase I) können folgende Bearbeitungsschritte gesehen werden:

1.      Historisch-genetische Kurzrekonstruktion als Vorstudie

(mit relativ geringem Zeit- und Kostenaufwand)

-          Zentrale Luftbildrecherche und –beschaffung

-          Luftbildvorauswertung

-          Recherche nach vorhandenen und sofort verfügbaren Archivalien

-          Sichtung und erste Auswertung ohne aufwendige Recherchearbeiten

2.      Historisch genetische Rekonstruktion

-          Archivalienrecherche und –auswertung

-          Luftbildpläne und Luftbilddetailauswertung

-          Geländebegehungen

-          Auswertung und Bewertung

Die durchzuführenden Recherchen dürfen sich nicht ausschließlich auf die konkret zu bearbeitende Liegenschaft beschränken. Nur selten existieren umfangreiche liegenschaftsbezogene Aktenbestände, so dass in der Regel Unterlagen von vergleichbaren Standorten recherchiert, gesichtet und ausgewertet werden müssen, um eine möglichst vollständige Klärung der Standorthistorie erreichen zu können.

In vielen Fällen bieten die Recherche und Auswertung von allgemeinen Dienstvorschriften, Berichte alliierter Wirtschafts- und Militäraufklärung wichtige Zusatzinformationen, beispielsweise zur generellen Rüstungsproduktion und den einzelnen Produktionsprozessen.

Inhaltlich müssen mit der historisch-genetischen Rekonstruktion folgende Daten vorliegen:

Inhalte einer historisch-genetischen Rekonstruktion

·          Werksgeschichte

·          Gebäudeverzeichnis

·          Werksplan mit Gebäudebestand

·          Produktionsprozess und Verfahrensabläufe

·          Art, Menge der Produktion, Vorprodukte und Hilfsstoffe

(Stoffliste)

·          Abwasser- und Abfalldaten einschließlich der notwendigen Infrastruktur

·          Kriegsbedingte besondere Vorkommnisse

·          Ausweisung von kontaminationsverdächtigen Flächen (KVF)

Mögliche Informationsdefizite bei der Bearbeitung von historisch-genetischen Rekonstruktionen durch fehlende oder nicht recherchierbare Planunterlagen, Dokumente und Akten können durch die bereits genannten Analogieschlüsse vermindert werden.

Gerade bei den Recherchen zu ehemaligen Munitionsanstalten, den sogenannten MUNAS zeigen sich immer noch erhebliche Defizite bei der Beschaffung aussagekräftiger und auswertbarer Archivalien. Durch die parallele Bearbeitung von 10 MUNA - Standorten in den 90er Jahren wurden die Grundlagen für ein sogenanntes MUNA – Handbuch gelegt.

Inhalte der Materialien zu Munitionsanstalten („MUNA - Handbuch“)

·          Angaben zur Baustruktur

·          Vorgänge, Handlungen und Arbeitsprozesse

·          Stoffbestand, Stoffinventar

·          Altlastenbezogene Bewertung

·          Nutzungstyp-optimierte Untersuchungsstrategien

·          Beispiele für typische Liegenschaften

Um im weiteren z.B. das Schadstoffspektrum, der bei einem speziellen Produktionszweig verwendeten Stoffe zu ermitteln, können die in der Schadstoffinformation SINA enthaltenen Kontaminationsprofile angewendet werden.

Inhalte der Kontaminationsprofile zu Rüstungsaltstandorten in SINA

·          Grundzüge der technologischen Prozesse

·          Stoffinventar zum Produktionszeitpunkt

·          altlastenrelevante Vorgänge und das resultierende Schadstoffspektrum

·          die Kategorie des Umweltgefährdungspotenzials

·          die Klassifizierung des Stoffpotenzials inkl. dem Faktor der Schadstoffrelevanz

In Verbindung mit der Stoffdatenbank STARS des Umweltbundesamtes kann eine erste Bewertung des Gefahrenpotenzials vorgenommen werden.

Im Anschluss an die historisch-genetische Rekonstruktion und dem daraufhin abgeleiteten Handlungsbedarfes folgt die Phase II mit der technischen Erkundung und Gefährdungsabschätzung. Dabei treten auf Standorten der Militärproduktion und -betriebes auch heute immer wieder ungeklärte und offene Fragestellungen auf.

Es wird zukünftig eine der Aufgaben der OFD Hannover sein, mehr Einheitlichkeit bei der Erfassung, Untersuchung und Gefährdungsabschätzung, sowie der Sanierung bei Rüstungsaltstandorten zu etablieren. Allzu oft legen die Beteiligten (Störer, Behörden, Fachbüros, Öffentlichkeit, etc.) völlig unterschiedliche Untersuchungs- und Bewertungsmaßstäbe an.

Als Auswahl seien folgende Themenbereiche genannt:

-          Ermittlung nutzungsbezogener Prüfwerte für Boden und Grundwasser

-          Ermittlung standortbezogene Aussagen zu Frachten (z.B. auf der Basis von klimatischen Wasserbilanzen)

-          Gefährdungsabschätzung für die Wirkungspfade Boden – Mensch, Boden - Grundwasser

-          Nutzungsmöglichkeiten / Nutzungseinschränkungen von Rüstungsaltstandorten

 

3.      Problemfeld Munition und Kampfmittel

Für die Beseitigung von Kampfmitteln auf den Liegenschaften des Bundes werden jährlich mehrere 100 Mio. EURO aufgewendet.

Durch Auswertung einzelner Maßnahmen wurde in der Vergangenheit erkannt, dass teilweise erheblicher Optimierungsbedarf hinsichtlich Planung, fachtechnischer Durchführung, Dokumentation und nicht zuletzt der Wirtschaftlichkeit und damit der Kosten für Räummaßnahmen besteht.

Unter der Federführung der OFD Hannover erarbeitet derzeit eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der staatlichen Kampfmittelräumdienste der Länder, von privaten Räumdiensten und Vertretern der Bau- und Finanzverwaltung des Bundes eine eigenständige Arbeitshilfe zum Thema Kampfmittelbeseitigung:

Die Ziele dieser Arbeitshilfe sind:

·          Darstellung der Notwendigkeit, Möglichkeiten und Kosten von Entmunitionierungsmaßnahmen

·          Darstellung der rechtlichen Rahmenbedingungen

·          Darstellung der technischen Möglichkeiten

·          Etablieren der Planung von Räummaßnahmen

·          Erstellung von Musterausschreibungstexten

·          Sicherung von Qualitätsstandards

·          Optimierung der Kosten

·          als Resultat:

Handlungsanleitung und fachliche Hinweise für die Bauverwaltungen der Länder und die Vermögensverwaltungen des Bundes

Auf der Basis verschiedener Projekte hat sich folgenden fachtechnische Vorgehensweise bei der Kampfmittelbeseitigung und Entmunitionierung bewährt:

Arbeitsschritte bei der Planung und Ausführung von Maßnahmen zur Entmunitionierung

·          Archivalien- und Luftbildauswertung zur Bestimmung der räumlichen Verteilung von Kampfmitteln und Bestimmung von zu erwartenden Munitionskalibern und Munitionsmengen

·          Erstellung von Kampfmittelbelastungskarten

·          Erarbeitung von Räumkonzepten unter Berücksichtigung und /oder Modifizierung bestehender Flächennutzungen

·          Vergabe von Räumleistungen im Wettbewerb unter Berücksichtigung der fachtechnischen Anforderungen der staatlichen Kampfmittelräumdienste

·          Überwachung der Entmunitionierungsmaßnahmen mit detaillierter Dokumentation und Überprüfung der Planungsdaten

 

4.      Perspektiven für die Bearbeitung - Neue Wege und Ausblick

Entgegen der weit verbreiteten Meinung, das die Thematik der sogenannten Rüstungsaltstandorte allmählich abgearbeitet und damit vom Umfang her abnehmen würde, muss festgestellt werden, dass nach wie vor ein großer Bedarf für deren Bearbeitung vorhanden ist.

Nicht nur das im letztem Jahr in Bayern aufgelegte Untersuchungsprogramm zeigt, dass auch nach über 50 Jahren noch weiterhin Bedarf gesehen wird.

Die fachtechnischen Aspekte sind, wie beschrieben, in vielen Bereichen noch nicht befriedigend gelöst.

Einheitliche Maßstäbe zur Untersuchung, Bewertung und Gefährdungsabschätzung und zur Sanierung fehlen noch weitestgehend. Es müssen weitere Grundlagen geschaffen und neue Wege beschritten werden.

Mit Hilfe der beschriebenen Vorgehensweisen und der Anwendung der erarbeiteten Arbeits- und Planungshilfen kann eine qualitative Verbesserung und Vereinheitlichung bei der Bearbeitung von Rüstungsaltstandorten erreicht werden.

 

 

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